„Ich liebe andere, aber mich nicht. Warum mache ich das?“ Diese Feststellung und Frage teilt mir die Klientin Sara G. (49) (Name geändert) in einer Gesprächssitzung mit. Dabei ist sie selbst erstaunt, als würde sie eine Entdeckung machen, von der sie noch nicht weiß, was sie erwartet. „War das schon immer so, oder ist es eine aktuelle Feststellung?“, frage ich zurück. „Das war schon immer so“, sagt sie achselzuckend.
Die Klientin ist eine langjährige, gewissenhafte Beamtin im öffentlichen Dienst. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern, die sich im Studium befinden. Ihr ehrenamtliches Engagement in der Kirche ist vorbildlich. In ihrer Nachbarschaft ist sie ein gern gesehener Gast und ihr Freundeskreis ist groß. Ihr Anliegen, in die Beratung zu kommen, ist ihr Ehemann, er ist ein Rüpel. Seine böswilligen verbalen Attacken, ihr gegenüber, kann sie nicht mehr ertragen. Seine übergriffigen und furchteinflößenden Forderungen und Drohungen, das Leben im Haus und in der Familie nach seinen Vorstellungen zu gestalten, machen es ihr unmöglich ein angenehmes Miteinander zu leben. Immer wieder muss sie sich arbeitsunfähig schreiben lassen, weil das Ehe- und Familienverhältnis sich bei ihr psychosomatisch abbildet. Der Sohn hat das Haus deswegen verlassen und die Tochter hat zwei Suizidversuche überlebt. Jetzt ist die Mutter und Ehefrau mit ihren Kräften am Ende.
Woher kommt die Missachtung der eigenen Person?
„Ich bin nicht gewollt gewesen. Meine Eltern wollten mich gar nicht. Meine Geschwister haben mir gesagt, dass sie mich nicht mehr haben wollen. Mein Bruder war das Wunschkind. Meine Eltern hatten nie Zeit für mich. Die Firma ging immer vor. Keine gemeinsamen Spaziergänge, keine Ausflüge, es gab keinen Urlaub und keine gemeinsamen Spiele. Ich wurde geschlagen und bekam keine Wertschätzung. Ich habe versucht, über gute Noten ein braves, gehorsames Kind zu sein. Ich war für viele Leute ein williges Opfer.“
Die Liste der traumatischen Kindheitserfahrungen ist lang. Im Laufe der Gespräche wird der Klientin schmerzhaft bewusst, warum sie andere lieben kann, sich selbst jedoch nicht. Die Konfrontation und die Bewusstheit über die Ablehnung und Missachtung der Eltern und ihrer Geschwister ist für sie kaum zu ertragen.
Schritte in die wahre Identität
Vorsichtig und Schritt für Schritt nimmt die Klientin die Aufarbeitung ihrer Biografie und den Prozess von Abrechnung und Vergebung gegenüber den Eltern und den Geschwistern auf. Ihre wahre Identität und ihren wahren Wert als Mensch, Person, Tochter, Frau, Ehefrau und Mutter etc. sieht sie ganz neu. Aus ihrem zarten Glauben und ihrer fragilen Gottesbeziehung bezieht die Klientin die Wahrheit über sich, dass sie wertvoll, einmalig und gewollt ist. Das wirkt wie ein heilendes und stärkendes Wunder. Es bewirkt einen beginnenden Wandel über das Denken über sich und den Umgang mit sich selbst. „Ich werde nicht mehr kuschen und lasse nicht mehr mit mir machen, was ich nicht will.“ Das neue Denken über sich, und ihre neue Identität bewirken eine selbstbewusste Stärke, die sie in der Beziehung zu sich selbst, zu ihrem Ehemann und für die Familie dringend braucht.